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Wort zum Sonntag 29.03.2026

Carolin Esgen, Prädikantin im evangelisch-lutherischen Dekanat Lohr am Main

Machtanspruch

Welches Bild sehen Sie bei diesem Wort vor sich? Ich sehe einen amerikanischen Präsidenten, der sich rücksichtslos auf dem Nato-Gipfel 2017 mit gerecktem Kinn nach vorne in die erste Reihe drängt, den montenegrinischen Premier aktiv und mit Körpereinsatz nach hinten drängend.

Machtanspruch. Für mich ist das Wort mit Gewaltbereitschaft verbunden, zumindest aber mit der Bereitschaft, den Machtanspruch mit einer gewissen Aggression durchzusetzen. Das ist meine subjektive Wahrnehmung, für Sie mag es anders sein. Kann ein Machtanspruch jemandem aufgedrängt werden? Was passiert mit einem Menschen, wenn Tausende erwartungsvoll „Hilf doch! Hilf!“ rufen? Das muss doch innerlich etwas auslösen. Selbstüberschätzung? Angst? Überforderung? Ich würde diesem Druck wohl schwerlich standhalten, ein Mauseloch suchen. Ein anderer sähe sich vermutlich am richtigen Platz. Das Kinn reckend!

Der Palmsonntag erinnert an eine solche Situation: Jesus kommt kurz vor dem Passafest nach Jerusalem. Die Erwartungen der einfachen Menschen sind hoch. Palmwedel und Kleider werden geschwenkt, ich stelle mir den Lärm der rufenden Menge ohrenbetäubend vor: „Hosianna! - Hilf doch!“ Jesus zieht jedoch nicht als Triumphator ein. Im Gegenteil. Er kommt auf einem Eselsfüllen (Evangelium nach Johannes 12,12-19). Und er zieht kein Schwert, führt keine Armee an, die weltliche Macht besiegeln könnte. Aber er versteckt sich auch nicht hinter seinen Freunden. Frei und demütig ent-täuscht Jesus die Erwartungen der Menschen in Jerusalem. Er kommt nicht als weltlicher Herrscher. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Ihm ist jede gewaltsame Durchsetzung von Machtansprüchen fremd. Er kommt, um den Menschen zu dienen, sich selbst zu geben. Er weiß, was auf ihn zu kommt. Sehenden Auges nimmt er sein Kreuz auf sich.

Was berührt Sie mehr? Der Präsident, der seine Ellbogen rücksichtslos einsetzt oder der Messias, der sein Leben gibt, um den Menschen die Tür zu Gott zu sein? Der die Jubelrufe ebenso hinnimmt wie später die „Kreuzige ihn“-Rufe. Diese Gelassenheit nennt Ignatius von Loyola in seinen Exerzitien „Indifferenz“.

Am Palmsonntag denken Christinnen und Christen an den triumphalen Empfang, der Jesus in Jerusalem bereitet wird. Und sie denken an den rasanten Umschwung, an das Überhören, ja Ignorieren der guten Botschaft. Auch heute? Hier bei uns? In gewisser Weise gehen Christen Jesu Weg mit, in den Verrat, hören das „Kreuzige ihn“-Geschrei, stehen neben ihm bei der Verurteilung. Stumm? Protestierend? Einsichtig? Ich denke, vor allem hoffnungsvoll auf Ostern blickend, mit gutem Grund vertrauensvoll die Auferstehung erwartend.

Und was kann der Palmsonntag geben, wenn man kein Christ ist? Jesu Einzug in Jerusalem kann zur nüchternen Sicht auf Schwärmerei mahnen. Zur Geduld. Zum Wahrnehmen, welche Beziehung wirklich dauerhaft trägt. Echt ist. An Palmsonntag kann man sich fragen lassen, ob man doch lieber rechtzeitig ent-täuscht werden will. Und sich öffnen möchte für Umwälzungen. Öffnen für einen, der weiter blickt, mehr liebt und bereit ist, sich hinzugeben. Das Passionskonzert am Karfreitag, 3. April, 18 Uhr, in der Auferstehungskirche Lohr lädt ein, den Weg Jesu musikalisch mitzugehen. Willkommen.

Carolin Esgen, Prädikantin im Evang.-Luth. Dekanat Lohr a.Main