Die Geschichten von damals haben Folgen bis heute
Das christliche Fest, das wir gerade feiern, ist relativ gut bekannt. Nicht verwunderlich, geht es doch um eindrückliche Geschichten, die unter die Haut gehen. Ein junges Paar, das in der Fremde unterwegs ist. Ihr erstes Kind soll zur Welt kommen, doch sie finden keinen geeigneten Platz für die Geburt. Hirten, die von Engeln erschreckt werden. Sterndeuter, die sich auf eine lange Reise machen. Und ein großes Geheimnis um dieses Kind. Große Ankündigungen und Erwartungen stehen im Raum. All das lässt sich anschaulich darstellen und spielen. Jedes Jahr werden neue Krippenspiele erfunden, eingeübt und in voll besetzten Kirchen vorgespielt.
Das Ganze will kein Unterhaltungsstück sein. Auch nicht einfach ein Appell zu mehr Solidarität und Mitgefühl. Die Botschaft ist herausfordernder und zugleich universal. Obwohl sie der jüdischen Religion entspringt (Messias, Thron Davids), gilt sie doch allen Menschen („Freue dich, Welt!“). Obwohl diese Geschichten lange her sind, haben sie für uns heute Bedeutung („Welt ging verloren, Christ ist geboren“). Nun kann man einwenden: Ich war aber nicht dabei! Von all dem weiß ich nur durch Überlieferungen. Wie soll ich wissen, was davon stimmt? Das kann eine echte Frage sein oder ein Manöver, sich die Bedeutung und die Konsequenzen vom Leib zu halten. Nun, ich war auch nicht dabei. Und doch sehe ich, dass diese Geschichten von damals Folgen hatten. Dass sich durch das, was Gott damals an einigen wenigen Menschen tat, etwas verändert hat. Dass etwas Großes angestoßen wurde, das bis heute nachwirkt.
Auf unserer Gemeindefreizeit im Advent haben die Kinder und Jugendlichen eine lange Reihe von Dominosteinen aufgebaut. An die 1.000 Steine waren da in Kurven, Weichen und Brücken aneinandergereiht. Es genügte, dass der erste Stein der Reihe umfiel – und alle anderen folgten. Später machten wir ein Experiment, wo verschieden große und dicke Steine in einer Reihe standen. Der Größe nach aufgebaut, konnte ein kleiner Holzstein über Zwischenglieder am Ende einen hohen schweren Holzklotz zu Fall bringen, der um ein Vielfaches größer und schwerer ist als er! So ist es auch mit Weihnachten! An der Wirkung können Sie und ich heute teilhaben. Wenn wir uns dafür interessieren. Wenn wir dafür offen sind.
An Weihnachten hat Gott gehandelt. Er hat Geschichte gemacht, darum können wir diese Geschichten bis heute erzählen und spielen. So ist deutlich: Gott ist keine gedankliche Konstruktion. Gott ist kein philosophisches Prinzip. Er ist nichts Abstraktes, Unfassbares, Unnahbares. Er ist Mensch geworden, um uns zu begegnen. Er sucht die Beziehung zu seinen Geschöpfen. „Fürchtet euch nicht! Ich verkündige euch große Freude. Sie gilt allen. Denn euch ist der Retter geboren: Christus, der Herr, in der Stadt Davids ...“ Diese Botschaft können wir wahrnehmen und darauf reagieren. Wir können überlegen: Brauche ich Hilfe? Gibt es etwas, wo mir niemand richtig helfen kann? Wie steht es um meine Beziehung zu Gott? Auf diese Weise kann jeder von uns in die Wirkungslinie des Kommens Gottes in unsere Welt kommen, wie es in die Weihnachtsgeschichte bezeugt. Auch wenn wir nicht dabei gewesen sind.
Ich wünsche Ihnen ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest, ruhige, besinnliche Tage und ein offenes, frisches Nachdenken über Gottes Geschichte! Ihr Till Roth
Till Roth ist evangelischer Dekan im Dekanatsbezirk Lohr a.Main

