"Er lebte die Freiheit" - Gedanken zur eigenen Lebensgestaltung
Bei meinem letzten Besuch in München hatte ich meine Unterkunft ganz in der Nähe des Waldfriedhofs. Bei herrlichem Herbstwetter habe ich dort einen Spaziergang gemacht. Der Friedhof ist mit seinen über 60.000 Grabstätten groß und dazu wunderschön angelegt. Inmitten vieler Bäume, einem kleinen See, der Aussegnungshalle und auch Freiflächen sind die Grabsteine angeordnet, sind Urnennischen aufgestellt und Bäume mit Namenstäfelchen gekennzeichnet, an deren Wurzeln Menschen ihre letzte Ruhe gefunden haben. „Der Tod trennt, der Tod führt zusammen“, steht auf einer Grabplatte. Mir wurde wieder einmal sehr bewusst, dass bei aller Unterschiedlichkeit, wie Menschen auf dieser Welt leben, der Tod uns am Ende alle eint.
Beim Laufen durch den Friedhof fiel mein Blick auf die Grabinschrift eines Mannes, dort stand „Er lebte für die Freiheit“. Spontan kam mir der Gedanke, was denn einmal auf meinem Grabstein stehen könnte. Für was möchte ich denn gelebt haben? Was wäre das Resümee meines Lebens?
Dieses Nachdenken vom Ende her fand ich in dem Moment unglaublich spannend. Denn am Ende zählt, wie und was ich mein Leben lang bewusst und entschieden gelebt habe. Diese Fragen vom Ende her richten sich an mein Leben, wie ich es hier und heute lebe. Es geht dabei um das große Ganze, es geht ums Wesentliche. Welche Richtung soll mein Leben heute nehmen, was gibt ihm so Sinn und Erfüllung, dass ich am Ende sagen kann, ja, das war gut so? Ja, dafür habe ich gelebt, dafür habe ich mich eingesetzt, und damit bin ich zufrieden und mit mir im Reinen.
Die Möglichkeiten, für was ich engagiert und motiviert leben kann, sind ja schier unbegrenzt.
Geld und Vermögen, die Welt sehen und bereisen, Kinder in die Welt setzen, sich für den Zusammenhalt der Familie einsetzen. Freundschaften und Beziehungen pflegen, sich um Menschen, die Trost und Unterstützung brauchen, kümmern. Gott suchen, aus dem Glauben heraus das Leben gestalten, ein behutsamer und nachhaltiger Umgang mit der Schöpfung.
Für was will ich gelebt haben? Für den Erfolg, für Reichtum, für die Freiheit, für Macht, für die Liebe, für Wahrheit? Was soll als Bilanz am Ende stehen, dass ich zufrieden auf mein Leben zurückblicken kann? Was für existentielle Fragen!
Jeden Tag neu kann und darf ich die Weichen stellen, darf ich mich darin üben, mein Leben mit einer bestimmten Haltung, die ich für mich als richtig, gut und ehrlich erkannt habe, anzugehen:
auf welche Weise ich mein Leben führe, welche Werte mich bestimmen in meinem Tun, wie ich mit anderen Menschen umgehe, wie ich mich verhalte als (Mit-)Mensch auf dieser Erde.
Die Grabinschrift „Er lebte für die Freiheit“ hat meinen persönlichen Blick auf die eigene Lebensgestaltung neu geschärft. Vielleicht regt sie auch in Ihnen etwas an.
Elke Wallrapp, Pastoralreferentin im Referat Spiritualität

