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Wort zum Sonntag 12.04.2026

Beate Schilling, kath. Gemeindereferentin, Altenheimseelsorgerin Bad Brückenau

Gott sei Dank – ein Zweifler!

Wenn ich auf meine religiöse Erziehung zurückblicke, die vor allem in der Schule und später in der Jugendarbeit erfolgte, dann war das Ziel wohl vor allem Eines: Belehrungen über den richtigen Glauben, ein Gottesbild in Übereinstimmung mit der Tradition – kirchlich und biblisch. Und der Erfolg wurde damals, vor über 50 Jahren, vor allem daran gemessen, ob man regelmäßig an den Gottesdiensten und den Veranstaltungen im Kirchenjahr teilnahm.

Ich konnte da nicht viel bieten. Die religiöse Praxis in meiner Herkunftsfamilie war eigentlich nicht vorhanden und so behauptete ich auf die Frage der Gemeindeschwester vor der Klasse regelmäßig, dass ich in anderen Kirchen in der Stadt im Gottesdienst war.

Was auf den ersten Blick nach einer wenig erfolgreichen religiösen Sozialisation aussieht, war für mich Freiraum. In mir wuchs ein Gottesbild frei von Zwängen durch Traditionen und soziale Kontrolle. Alles, was ich hörte und in mich aufnahm von der christlichen Botschaft, musste Berührung haben mit meinem Leben. Und so prägten mich viele Stunden, sitzend in der leeren Kirche auf meinem Schulweg, im Gespräch mit dem, den ich als zugewandten Gott und als liebendes Gegenüber erfuhr.

Was mir jedoch blieb, das war der kritische Blick auf alles, was mir vorgesetzt und vermittelt wurde. Es musste durch den Filter meines Lebens und meiner Krisen. Dadurch wurde mein Glaube tiefer, aber auch verletzlicher, demütiger und undogmatischer.

Wenn ich im Evangelium von der Begegnung des Auferstandenen mit Thomas höre, dann fühle ich mich diesem Jünger sehr verbunden. Ihm, der zweifelt, der Beweise für das doch Unmögliche will, der sich nicht leichtfertig irgend einer Hysterie verschreibt, der selbst spüren und erfahren will. Thomas zweifelt, fragt und fordert. Und doch hat er die Offenheit, sich überzeugen zu lassen, neue Erfahrungen zu machen und selbst von dem Unsagbaren berührt zu werden.

Wie sehr wünsche ich mir diese Haltung in dieser Zeit von Menschen, die mit großer Selbstsicherheit und ohne sichtbaren Zweifel von einer Sache überzeugt sind. Da ist oft wenig Raum für andere oder gar neue Erfahrungen, für Argumente von Andersdenkenden, von anderen Deutungen der Wirklichkeit. Ich wünsche mir echtes Zuhören, eine echte und ehrliche Suche nach Wahrheit, auch wenn sie unbequem, beunruhigend und aufwühlend ist. Menschen, die sich berühren lassen von der Botschaft Jesu, von dem Schicksal ihrer Mitmenschen, von der Not unserer Zeit. Die nicht ein für allemal Recht zu haben meinen und quasi die Wahrheit besitzen. Mir machen solche Menschen eher Angst als Mut.

Andererseits fühle ich mich mit den Menschen verbunden, die hinterfragen, die sich ihren eigenen Weg durch das Leben und den Glauben suchen. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil sie ihren Glauben und ihr Gottesbild immer wieder neu auf den Prüfstand stellen, um glaubwürdige Antworten zu geben – sich selbst und denen, die sie danach fragen. Gott sei Dank – es gibt die Zweifler. Ich bin sicher, dass Gott sie in Phasen der Verlorenheit und Dürre begleitet und trägt, dass er sich von ihnen berühren lässt und sie immer wieder neu zu Begegnungen mit ihm einlädt.

Thomas zeigt uns, dass wir uns öffnen müssen für Neues. Nur dann kann die Wirklichkeit uns überraschen und unsere Welt verändern – im Kleinen wie im Großen.

Beate Schilling, kath. Gemeindereferentin, Altenheimseelsorgerin Bad Brückenau