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Wort zum Sonntag 11.10.2026

Anja May, Pastoralreferentin aus Burkardroth

Die Bilder in unseren Köpfen

„Der ärgert dich doch nur, weil er dich mag.“

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. Er klingt harmlos, beinahe liebevoll. Und trotzdem bleibe ich inzwischen daran hängen.

Ich habe zwei Töchter und einen Sohn. Seit ich Kinder habe, beobachte ich genauer, welche Botschaften wir Mädchen und Jungen mitgeben – oft ganz nebenbei und meistens in bester Absicht.

Mädchen sollen lieb und nett sein. Sie sollen helfen, Rücksicht nehmen, mitdenken. Sie sollen spüren, was gebraucht wird, möglichst bevor jemand darum bittet. Und wenn ein Junge sie ärgert? Vielleicht mag er sie ja und kann es nur nicht anders zeigen.

Was lernt ein Mädchen daraus? Sei nicht so empfindlich. Hab Verständnis. Kümmere dich im Zweifel nicht nur um deine Gefühle, sondern am besten gleich noch um seine.

Und was lernt der Junge?

An diesem Sonntag ist Weltmädchentag. Als Mutter zweier Töchter denke ich darüber nach, was ich ihnen für ihre Zukunft wünsche. Aber ich habe eben auch einen Sohn. Und deshalb glaube ich: Gleichberechtigung ist kein Frauenthema. Es geht darum, in welcher Gesellschaft wir alle leben wollen.

Denn Erwartungen beginnen früh. Beim Mädchen finden wir es selbstverständlich, wenn es mithilft. Beim Jungen freuen wir uns vielleicht, dass er „so toll geholfen“ hat. Ein durchsetzungsstarker Junge gilt als selbstbewusst. Aber ein Mädchen, das sehr genau weiß, was es will? Ist es ebenso selbstbewusst – oder schnell anstrengend?

Als Pastoralreferentin arbeite ich in einem Bereich der katholischen Kirche, der – wenn es um Macht und Entscheidungspositionen geht – bis heute stark von Männern geprägt ist. Vielleicht bin ich auch deshalb sensibel für Fragen wie: Wer spricht und wer hört zu? Wer entscheidet und wer bereitet Entscheidungen vor? Wer steht vorne – und wer sorgt dafür, dass vorne alles funktioniert?

Die unbequeme Wahrheit ist: Rollenbilder werden nicht nur von „den anderen“ weitergegeben. Wir alle tragen sie in uns. Manchmal ertappe ich mich selbst dabei, von meinen Töchtern etwas selbstverständlich zu erwarten, worum ich meinen Sohn ausdrücklich bitten würde.

Warum eigentlich?

Vielleicht beginnt Veränderung genau mit dieser Frage.

Unsere Gesellschaft hat viel erreicht. Aber was selbstverständlich geworden ist, ist deshalb nicht unverlierbar. Gerade wenn gesellschaftliche Debatten härter werden und die Sehnsucht nach vermeintlich einfachen Verhältnissen wächst, lohnt es sich zu fragen: Vielleicht war früher manches übersichtlicher. Aber war es deshalb gerechter?

Die Bibel erzählt gleich am Anfang, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild erschafft: „Als Mann und Frau schuf er sie.“ Darin steckt für mich etwas zutiefst Befreiendes. Bevor ein Mensch etwas leistet, bevor wir ihm eine Rolle oder einen Platz zuweisen, gilt: Du bist Ebenbild Gottes. Nicht mehr als der andere. Aber auch nicht weniger.

Das wünsche ich meinen Kindern: Meine Töchter sollen laut sein, widersprechen und Nein sagen dürfen, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Mein Sohn soll fürsorglich sein, Gefühle zeigen und selbstverständlich für andere mitdenken dürfen.

Vielleicht wäre das auch ein guter Wunsch für unsere Gesellschaft: weniger darüber nachzudenken, wer welchen Platz einzunehmen hat, und mehr darüber, wie wir einander Platz geben.

Dann müssten Mädchen nicht immer lieb und nett sein. Jungen nicht immer stark. Frauen nicht selbstverständlich mitdenken. Männer nicht selbstverständlich entscheiden.

Denn es geht nicht darum, wer gewinnt.

Es geht darum, wie wir miteinander leben wollen.

Pastoralreferentin Anja May aus Burkardroth

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