Kirche geht!
Dieser Satz klingt harmlos – ist aber eigentlich eine Provokation. Denn er bedeutet: Kirche, wie wir sie kennen, geht zu Ende. Eine gewordene Kirchengestalt aus dem 20.Jahrhundert, mit vielen schönen Gebäuden, Strukturen und klaren Regeln verliert ihre Selbstverständlichkeit. Das tut weh. Es verunsichert. Und doch ist es ehrlich: Vieles, was lange getragen hat, trägt nicht mehr.
Aber „Kirche geht“ heißt auch: Kirche bewegt sich. Sie bleibt nicht stehen. Sie geht hinaus, dorthin, wo Menschen leben. Vielleicht ist genau das die eigentliche Rückkehr zum Ursprung: Jesus war nie Verwalter von Strukturen, sondern immer unterwegs. Mitten unter den Menschen, in den Häusern, an Tischen und auf dem Boden, in der Natur, auf Wegen … am Kreuz und im Himmel.
Wir stehen mitten in einer Gleichzeitigkeit: Altes vergeht – und Neues wächst. Und dieses Neue ist oft leise, unscheinbar, kaum sichtbar. Aber es ist da.
Kirche lebt auf verschiedenen Ebenen. Im Großen – mit Mittleren und im ganz Kleinen.
Da ist zum Beispiel der Katholikentag nun bei uns in Würzburg: Tausende Menschen, große Bühnen, Diskussionen, Gottesdienste, sichtbare Kirche in ihrer ganzen Vielfalt. Und gleichzeitig geschieht Kirche am Küchentisch einer Familie, wenn gemeinsam gestritten, versöhnt und gebetet wird. Oder in einer kleinen Hausgemeinde, die sich regelmäßig trifft, um das Leben zu teilen und im Glauben zu wachsen. Beides ist Kirche. Vielleicht wird „das Kleine“ künftig tragender und notwendiger sein als „das Große“ - mindestens ist es „die Basis“, wie einst Maria, die sagte: „Ich bin bereit, mir geschehe nach deinem Wort, denn ich trage dich unter meinem Herzen!“
Ein zweites Beispiel: Die perfekt vorbereitete Sonntagsmesse mit Orgel, liturgischer Ordnung und vertrauten Abläufen. Und daneben die spontane Begegnung – ein Gespräch vor der Kirche, ein Gebet am Krankenbett, ein ehrliches Zuhören. Oft sind es genau diese unscheinbaren Momente, in denen Menschen etwas von Gottes Nähe spüren. Vielleicht mehr als im perfekten Ablauf.
Das stellt uns vor eine unbequeme Frage:
Vertrauen wir mehr auf unsere Formen und Gestalt(ung) – oder auf Christus in uns und in unserer Mitte?
Jesus Christus ist die eigentliche Quelle. Nicht wir. Nicht unsere Institutionen. Christus ist die Sonne. Und wir? Wir sind höchstens Spiegel, die sein Licht weitergeben.
Wie in der Mobilität: Lange lebten wir von fossilen Brennstoffen – scheinbar zuverlässig, aber endlich und schädlich.
Jetzt wächst etwas Neues: Energie aus Sonne, Wasser und Wind. Noch nicht perfekt, aber zukunftsfähig. So ähnlich ist es auch mit Kirche. Das Alte verschwindet nicht sofort. Aber das Neue ist schon da. Ich nenne es gerne im pastoralen Alltag: „Regenerative Pastoral und Seelsorge“.
Im Evangelium dieses Sonntags (Johannes 14,15–21) sagt Jesus: Wir leben in Gott – und Gott lebt in uns. Das ist keine Theorie. Das ist eine Zusage. Denn es heißt: Kirche ist nicht zuerst das, was wir organisieren. Kirche ist das, was Gott in uns be-lebt.
Am Muttertag wird das besonders greifbar. Gott ist nicht nur wie ein barmherziger Vater. Gott ist auch wie eine stillende Mutter. Ursprung unseres Lebens, tragende Kraft, untrennbare Nähe. So wie wir durch den Bauchnabel mit unserer Mutter verbunden waren, so sind wir geistlich durch Gottes Geistkraft verbunden. Diese Verbindung kann keine Krise zerstören.
Und genau darin liegt Liebe und Hoffnung:
Kirche geht. Ja, sie geht zu Ende in einer bestimmten Form. Und das ist nicht nur traurig und anstrengend – es ist notwendig.
Aber Kirche geht auch weiter und wächst neu. Sie geht mit uns. Durch uns. In uns.
Überall dort, wo Menschen aus dieser Verbindung mit Gott leben – wo sie lieben, leiden, hoffen und glauben – da geschieht Kirche.
Vielleicht kleiner. Vielleicht leiser. Aber vielleicht auch nahbarer und authentischer.
Kirche geht – weil Gott als die Liebe ist und bleibt.
P.s.: Als kleine 2-minütige Vertiefung empfehle ich die Eingabe in „YouTube“: Kirche geht und freshX
Bernd Keller, Ehe und Familienseelsorger im Landkreis Bad Kissingen

