„Bleib aufrecht!“
Liebe Leserinnen und Leser!
„Bleib aufrecht“ - das sagte mir jemand neulich zum Ende eines Telefonats.
Mit diesem Sonntag beginnt in den katholischen Gottesdiensten die Verkündigung der sogenannte „Bergpredigt Jesu“
(Matthäusevangelium 5-7)
Jesus steigt auf einem Berg. Zum einen ist er da besser zu hören (es gab ja noch keine Lautsprecher); zum anderen macht er damit deutlich, dass seine Botschaft von Gott kommt (wie Mose, der auf dem Berg die Gebote von Gott erhalten hat).
Keine Moralpredigt von oben herab, sondern eine Einladung zu inneren Haltungen. Es geht nicht zuerst darum, was wir tun, sondern wie wir sind. Oder anders gesagt: wie wir aufrecht bleiben – auch dann, wenn der Gegenwind stärker wird.
„Aufrecht bleiben“ – das klingt nach Haltung, nach Rückgrat. In einer Zeit, in der vieles uns klein machen will: Krisen, Kriege, Verunsicherung, ein rauer Ton im Miteinander. Da ist die Versuchung groß, sich wegzuducken, zynisch zu werden oder nur noch auf den eigenen Vorteil zu schauen. Jesus aber sagt: Selig seid ihr, wenn ihr anders lebt.
Die Seligpreisungen sind kein Katalog von frommen Idealen für besonders Heilige. Sie sind Grundeinstellungen für alle, die Jesus nachfolgen wollen.
„Selig, die arm sind vor Gott“ heißt nicht, nichts zu besitzen. Es entlastet, vor Gott ehrlich sein zu dürfen: Mit meiner Ratlosigkeit, meinen Grenzen und Schwächen.
Und mich aus Gottes großem Reichtum an Weisheit, Kraft und Liebe beschenken und helfen zu lassen.
„Selig die Trauernden“ - Trauer zulassen und aushalten, auch wenn sie schmerzt und weh tut; Trauer über einen lieben Verstorbenen, über zerbrochene Beziehungen, über Enttäuschungen, über den Zustand der Welt.
„Selig die Sanftmütigen“: Sanftmut ist keine Schwäche. Sie ist die Kraft, nicht zurückzuschlagen, wo andere verletzen; nicht hart zu werden oder hartherzig zu sein.
„Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit“: Das ist die Sehnsucht nach einer Welt, in der Menschen zählen – und die Würde eines jeden einzelnen Menschen. Wer diese Sehnsucht wachhält, den trägt die Hoffnung, dass letztlich die Gerechtigkeit siegen wird.
Und dann die Friedensstifter. Nicht die, die Konflikte vermeiden, sondern die, die Brücken bauen. Frieden beginnt oft im Kleinen: im Gespräch, im Zuhören, im Aushalten von Unterschiedlichkeit. Auch das ist eine Haltung – eine aufrechte.
Jesus spricht diese Worte nicht aus einer sicheren Distanz. Er lebt sie selbst – bis zum Kreuz. Aufrecht bleiben kann einen Preis haben. Das verschweigt die Bergpredigt nicht: „Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen“. Aber sie verspricht: Diese Haltung führt ins Leben. „Euer Lohn wird groß sein im Himmel“ – nicht als Vertröstung, sondern als Zusage: Kein aufrechtes Leben ist umsonst.
Vielleicht ist das die Botschaft dieses Sonntags: Bleib aufrecht. Nicht aus Stolz, sondern aus Vertrauen. Nicht gegen andere, sondern für das Leben.
Die Bergpredigt ist kein leichter Weg – aber es ist ein Weg, der das Angesicht der Erde zum Guten hin verändern kann - heute, hier und jetzt.
Ihr Gerd Greier, Pfarrer im Pastoralen Raum Bad Kissingen

