Träumen - der Wirklichkeit ins Auge sehen
Es wurde einmal ein sehr interessantes Gespräch auf Facebook geführt:
„Frühling! Die Blumen blühen, Schmetterlinge tanzen auf den Wiesen, und die Vögel beginnen zu nisten und zu brüten.“ Dazu wurden Naturbilder gestellt, wie sie von den Farben, der Bildschärfe und von der Stimmung her nicht schöner hätten sein können. Rundherum eine schöne Vorstellung, wer würde nicht hundertprozentig diesem kleinen Ausschnitt des Paradieses für sich öffnen. Doch dann goss einer Essig in den Freudenwein:
„Die Schmetterlinge werden bald ausgetanzt haben, wenn die Vögel nach Nahrung für ihre Jungen Ausschau halten.“
„Das wird wohl so sein..“ 2 Zeichen für Traurigkeit folgten, Männchen mit Tränen in den Augen.
So schnell und auch brutal wird man also aus seinen Träumen vertrieben, mit der Gnadenlosigkeit eines Weckers, der uns aus der wunderbaren Nachtruhe in manch fragwürdigen Tag hineinstößt. Ja, das wird wohl so sein. Das Paradies hat seine Verfallszeit und wir werden aus ihm vertrieben, eher wir uns seiner ganzen Schönheit bedienen konnten.
Wie lautet doch der Fußballsong: „So ein Tag, so wunderschön wie heute, der dürfte nie vergehen.“ Aber er vergeht eben, wie so vieles andere Schöne. Oder aber es kommt gar nicht so weit, dass es zu diesem schönen Tag überhaupt kommt. Der Traum davon zerplatzt vorher wie eine Seifenblase. Und dann werden die Realisten und die Schwarzmaler auf der Matte stehen. Sie werden uns belehren, dass sie es gleich gewusst haben, dass das nichts wird, nichts werden kann.
Also, die Schlussfolgerung, egal ob die Blumen, die Vögel, die Schmetterlinge tanzen, blühen, nisten, wir kümmern uns um Wichtigeres, bleiben auf dem Boden der Tatsachen, lassen das Träumen den Träumern. So kann man natürlich denken, und zugegebenermaßen schützt uns eine solche Abwehrhaltung vor Enttäuschungen. „Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen!“, wie es einmal ein deutscher Politiker ausdrückte. Sparen wir uns diesen Arztbesuch.
Aber: Wie arm wäre eine Welt, in der es nicht die Menschen gab, die dem: „Das geht eh nicht!“, etwas, zumeist sich selbst, entgegengestellt haben. Menschen, aus den Kirchen. Unzählige Namen könnte man anführen, um nur ein Beispiel zu nennen, einen Franziskus mit seinem Traum von einer geschwisterlichen, fröhlichen, bescheidenen Kirche. Und es schließen sich andere aus ganz anderen unterschiedlichen Gruppen an, wiederum nicht zu zählen, weil es so viele waren und sind. Aber eines vereinte sie alle. Sie vertrauten auf die Kraft des Schönen, der Hoffnungen, auf die Beharrlichkeit eines Huflattich, der den Asphalt durchbricht und seinen Weg zum Licht findet. „Geht nicht!“, möchte man ihm zurufen, aber er hört nicht, sondern geht seinen Weg, bis er da ist, wo er dem Verstand nach nie sein kann.
Mal wird das eine richtig sein, der Realist, der um seine Grenzen weiß. Aber oft genug auch der Träumer, der Visionär, der es einfach versucht, der daran glaubt, dass die Welt eine gute, eine schöne, eine gerechte werden kann, zumindest an dem Punkt, an dem er selber eingreifen kann.
Ihnen alle gute Entscheidungen, die Platz für Realismus genauso kennen, wie den Platz für die Vorstellung, wie es eben auch sein könnte, und den Mut, es einfach auszuprobieren
Das wünscht Ihnen Ihr Pfarrer. Hans Thurn